CVP Nationalrätin Ruth Humbel
22.06.2005
 

Sport ist die wirksamste und kostengünstigste Prävention

Die UNO hat 2005 zum internationalen Jahr des Sportes und der Sporterziehung erklärt. Die Schweiz hat sich für dieses Jahr das Ziel gesetzt, dem Sport in der Schweiz einen grösseren Stellenwert zu geben und den Anteil der bewegungsaktiven Bevölkerung kontinuierlich zu erhöhen. Bundesrat Schmid hat anfangs Jahr das Projekt „Schule.bewegt“ lanciert und auf die gravierenden Folgen des Bewegungsmangels – Übergewicht, Krankheiten, hohe Gesundheitskosten – hingewiesen.
     
Die Bedeutung des Sportes für die Volksgesundheit scheint endlich in das politische Bewusstsein gelangt zu sein. Doch ausgerechnet in diesem Moment wird das bundesweite Schulobligatorium für drei Stunden Turn- und Sportunterricht in Frage gestellt. Gewisse Kantone hegen Abbaupläne oder haben bereits eine Stundenreduktion vollzogen. Diese Tendenzen stehen in Widerspruch zu den sportpolitischen Zielsetzungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen. Was kurzfristig die Staatsfinanzen minimal entlasten kann, wird mittel- bis langfristig zu Mehrkosten im Gesundheits- und Sozialbereich führen.
  
Wieso gerät die 3. Schulstunde ausgerechnet im internationalen Jahr des Sportes unter Druck? Auslöser ist der neue Finanzausgleich (NFA). Das Volk hat darüber im letzten November abgestimmt. Mit dem NFA werden die Aufgaben zwischen Bund und Kantonen entflochten und die Finanzströme übersichtlicher gestaltet. Derzeit werden die notwendigen Gesetzesrevisionen in die Wege geleitet. Unter anderem wird vorgeschlagen, der Bund solle sich aus dem Bereich Turnen und Sport zurückziehen. Mit der Verlagerung der gesamten Regelungskompetenz auf die Kantone würde auch das 3-Stunden-Turn-Obligatorium entfallen. Denn in den Verwaltungen der Kantone sind die Anhänger des Sitzens und Sparens im Bildungsbereich stärker als auf Bundesebene.

Bildung ist ein klassisches Kompetenzgebiet der Kantone. Indes ist der Ruf nach einheitlichen Strukturen und Abbau des Föderalismus immer stärker geworden. In den Eidgenössischen Räten hat so die Frage einer gesamtschweizerischen Einführung von Blockzeiten zur Diskussion gestanden. Auch die Einführung von Tagesschulen wird demnächst auf eidgenössischer Ebene thematisiert. Eine Kantonalisierung und damit ein Abbau des Sportunterrichtes würden im Widerspruch zu diesen Entwicklungen stehen und wären ein deutlicher Rückschritt. Im Übrigen geht es bei dieser Diskussion nicht bloss um eine Turnstunde oder die Grenzen des Föderalismus, sondern um Gesundheit und Wohlergehen junger Menschen.
  
Die Bedeutung körperlicher Bewegung für eine gesunde Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ist unbestritten. Ausreichende Bewegung im Kindes- und Jugendalter ist ein relevanter Einflussfaktor für das Wachstum und wirkt sich positiv auf das Skelett, die Knochendichte sowie Herz- und Kreislauf aus. Wissenschaftliche Erkenntnisse belegen die Bedeutung von Bewegung und Sport für die psychosoziale Gesundheit der Jugendlichen. Sie weisen einen positiven Einfluss auf die schulischen Leistungen und das Wohlbefinden nach. Sie zeigen, dass ein gesundheitsbewusstes Verhalten durch die Ausübung von Sport gefördert wird. Sportlich aktive Jugendliche rauchen deutlich seltener und konsumieren weniger Alkohol als gleichaltrige unsportliche.
  
Gemäss WHO ist die Fettleibigkeit die häufigste chronische Erkrankung im Kindes- und Jugendalter. Auch die Zahl der übergewichtigen Schweizerkinder nimmt zu. In den letzten zwanzig Jahren hat sich die Anzahl übergewichtiger Kinder verdreifacht, diejenigen der Fettleibigen gar versechsfacht. Rund ein Drittel der Personen in der Schweiz ist übergewichtig. Bei den unter Zehnjährigen ist der Anteil noch grösser. Alarmierend dabei ist, dass die Gewichtszunahme der Kinder von den Eltern häufig unbemerkt bleibt. Nur einem Drittel der Eltern mit übergewichtigen Kindern und Jugendlichen fällt auf, dass ihr Kind übergewichtig ist. Die direkt oder indirekt von Übergewicht verursachten Kosten liegen in der Schweiz zwischen 2,5 und 3 Mrd. Franken pro Jahr. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des BAG „Die Kosten der Adipositas in der Schweiz“ vom April 2004. Wenn keine Gegenmassnahmen eingeleitet werden, dürften die durch Übergewicht bedingten Mehrkosten in absehbarer Zeit massiv ansteigen. Wirksame Präventionsmassnahmen liegen in einer ausgewogenen Ernährung und vor allem bei mehr Bewegung. Sport ist die effizienteste und kostengünstigste Prävention. Den internationalen Gesundheitsempfehlungen – täglich eine halbe Stunde Bewegung – folgen aber zu wenig Menschen. Kinder werden heute leider oft in die Schule chauffiert und legen den Schulweg nicht mehr zu Fuss oder per Velo zurück. Statt „Räuber und Poli“ oder Fussball spielen sitzen sie vor dem PC oder vor dem Fernseher. Dabei sollten Kinder sich pro Tag mindestens gleich lang bewegen wie sie vor dem Bildschirm sitzen.
   
Neben den Eltern haben Bildungseinrichtungen – vom Kindergarten bis zu den Hochschulen – bei der Sporterziehung und Förderung körperlicher Aktivitäten eine grosse Verantwortung. Das Aargauische Departements für Bildung, Sport und Kultur (BKS) pflegt die richtige Vision: Wenn die Jugendlichen die Schule verlassen, soll Bewegung und Sport für sie eine feste Lebensgewohnheit geworden sein. Auch ich setze mich dafür ein. Deshalb sollen Schülerinnen und Schüler in der ganzen Schweiz auch künftig in den Genuss von drei Stunden Turn- und Sportunterricht kommen. Das Bundesobligatorium muss bleiben.
  
Ruth Humbel Näf
Nationalrätin CVP, Birmenstorf
22. Juni 2005
 
H O T L I N K S


________________