CVP Nationalrätin Ruth Humbel
17.09.04
 

Für eine faire Einbürgerung der zweiten und dritten Generation

Ich war eine 13ährige Schülerin als eine Abstimmung mein politisches Interesse geweckt hat:  Eine Überfremdungsinitiative, die „Schwarzenbachinitiative“. 
Ich habe damals Flugblätter und Plakate gegen die Initiative verteilt. Auf dem Plakat war das Bild einer Autobahn, die plötzlich über einem tiefen Tal, im Nichts endete; nicht fertig gebaut war. Vor dem Abgrund stand ein Auto. Die Schwarzenbachinitiative vor über 30 Jahren richtet sich vor allem gegen die Fremd- oder Gastarbeiter aus Italien und Spanien, welche unter anderem unsere Autobahnen gebaut haben. Inländische Ausländer haben schon damals wesentlich zu unserm Wohlstand beigetragen. Tschingge hat man sie damals genannt. Man wollte die Arbeitskräfte, hatte aber Angst vor den Menschen. Es bestand die Befürchtung, sie würden unsere Mentalität unterwandern, die Gattung Schweizer gefährden, unser sauber geordnetes Leben bedrohen. Und heute? Die Zweit- und nachfolgenden Generationen Italiener sind Schweizer. Schweizer im Denken, im Handeln und im Sein. Unsere Kultur und Lebensart ist die Ihre und Ihre Kultur ist die unsere. Oder wer kann sich eine Schweiz ohne Pizza, ohne Spaghetti, ohne Espresso, ohne Rucola und ohne Proseco vorstellen? Und wenn wir ehrlich sind, hat uns pflichtbewussten, umtriebigen, bisweilen zu Unzufriedenheit neigenden Schweizern die Lebensfreude der Italianità nicht gut getan?
               
Die Schweiz wäre ärmer ohne Alinghi mit Ernesto Bertarelli, ohne Fussballer Ciri Sforza oder die Gebrüder Yakin. Die Liste könnte weiter geführt werden, im Sport, in der Wirtschaft und in der Kultur feiert die Schweiz Erfolge dank eingebürgerten oder inländischen Ausländern. Gerade Fussball ist ein Paradebeispiel der Integration. Die Spieler beim FC Luzern kommen aus 8 verschiedenen Nationen, 3 aus Ex-Jugoslawien. Gut 20'000 junge Männer aus dem Balkan sollen in den rund 1500 Fussballclubs der Schweiz spielen; ebenso gut, oft besser als ihre Schweizer Kollegen.
         
Wer ist ein echter Schweizer?
            
Wilhelm Tell, die grosse schweizerische Identifikationsfigur ist ganz gewiss ein echter Schweizer. Nur – sein Erfinder ist Friedrich Schiller, ein Ausländer.
            
Aber was macht eigentlich eine Schweizerin, einen Schweizer zu einem wahren Schweizer, zu einer typischen Schweizerin?
         
Wir Schweizer sind Urdemokraten, wir sind rechtschaffen, arbeitsam, tolerant, anständig und ehrlich. Wer passt in dieses Bild? Sicher nicht jene, welche in diffamierenden Inseraten Unwahrheiten verbreiten, Angst schüren, anders denkende verunglimpfen und ausgrenzen. Ausgerechnet diejenigen, die sich als Musterschweizer sehen, treten Schweizer Werte mit Füssen und ignorieren unsere christliche Kulturbasis. Diese Kreise bedrohen den inneren Frieden. Integrierte Ausländer, welche bereit sind Verantwortung, Rechte und Pflichten zu übernehmen, hier arbeiten, Steuern und Sozialversicherungen bezahlen, unsere Sprache sprechen und deren Kinder mit unseren Kindern zur Schule gehen sind nicht diejenigen, welche eine Gefahr sind für die Gemeinschaft Schweiz.
            
4,4 Milliarden Franken liefern Ausländerinnen und Ausländern jährlich an die AHV ab. 25 Prozent des gesamten Arbeitsvolumens in unserem Land werden heute von 20 Prozent Ausländerinnen und Ausländer geleistet. Das sind Fakten. Ausländer leisten einen überdurchschnittlichen Beitrag an unseren Wohlstand.
            
Wir stimmen am 26. September nicht darüber ab, wie viele Ausländer wir in die Schweiz einwandern lassen. Es geht auch nicht darum wie viele Asylbewerber wir bei uns aufnehmen wollen. Es geht weder um eine Islamisierung unserer Kultur noch gibt es Masseneinbürgerungen. Es geht auch nicht um die Einbürgerung krimineller Ausländer. Es geht einzig und allein um die administrative Erleichterung von Einbürgerungen und damit um eine Anerkennung von Menschen, welche seit langer Zeit mit und unter uns leben. Es geht um Menschen, die im Herzen, im Denken und Handeln Schweizer sind. Sie respektieren unsere rechtlichen und gesellschaftlichen Normen. Unser Land ist ihre Heimat. Hier haben sie Wurzeln geschlagen. Sie wollen und sollen zu vollwertigen Bürgerinnen und Bürger werden, mit allen Rechten und Pflichten des Schweizer Bürgerrechtes. Ersparen wir diesen Menschen den langwierigen mühsamen Weg durch die Mühlen der Schweizermacher. Entlasten wir sie und auch unsere Verwaltung von unnötigem bürokratischem Aufwand. Geben wir den inländischen Ausländern was ihnen gehört. Sagen wir ja zu einer fairen Einbürgerung der zweiten und dritten Generation. Stimmen wir bei den Einbürgerungsvorlagen zweimal JA.
        
RH, 17.09.04
 
H O T L I N K S


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