CVP Nationalrätin Ruth Humbel
24.12.2005
 

Christentum und Demokratie

Zu Grundzügen der Kultur christlich-demokratischer Politik

Weihnachten gilt als wichtiges und bedeutendes Fest. Niemand soll von ihm ausgeschlossen sein. Alle wissen um seine Popularität und seine tiefe emotionale Verwurzelung in den Herzen der Menschen. Sein Platz in Gesellschaft und Kultur ist unbestritten. Zuweilen erheben sich ein paar schwache Stimmen gegen Auswüchse des Weihnachtsgeschäftes, aber kaum jemand würde auf Einkäufe und Geschenke verzichten wollen. Ebenso selbstverständlich lässt man Weihnachten den staatlichen Feiertagen zuzählen.     
   
Die Bedeutung des christlichen Weihnachtsfestes in unserer modernen demokratischen Gesellschaft lässt einen fragen, wie es denn generell mit dem Verhältnis zwischen Christentum und Demokratie beschaffen sei. Wenn ich als Angehörige der CVP darauf eine Antwort gebe, einer Partei also, welche das Christliche und das Demokratische verbindet, so befinde ich mich keineswegs in einer privilegierten Ausgangslage. Denn erstens ist die Antwort auf die Frage nach dem Verhältnis zwischen Christentum und Demokratie Sache aller. Christentum und Demokratie liegen nicht in den Händen von Parteien. Jeder Mensch kann sich mit ihnen auseinandersetzen und über sie nachdenken. Zweitens gründet die Wortfügung ‚christlichdemokratisch’ auf einem Spannungsverhältnis. Und Spannungsverhältnisse sind nicht ganz einfach zu erklären. In unserem Falle ist einerseits an Hauptlinien grundlegender geschichtlicher Entwicklungen zu erinnern. Andererseits sind in der gebotenen Kürze Grundzüge der heutigen Kultur christlich-demokratischer Politik darzulegen.
 
Demokratie gilt heute weit herum zu Recht als die beste Staatsform. Wo immer Menschen zusammenkommen, wenden sie demokratische Verfahren an, versuchen allenfalls diese weiter zu perfektionieren und finden mit Hilfe demokratischer Prozesse Lösungen in den Auseinandersetzungen des Alltags. Das Prinzip der Demokratie besitzt eine fast universale Geltung. Allerdings ist dies erst in jüngerer Zeit der Fall.
 
Das Christentum erreichte sehr viel früher als die Demokratie universale Wirkung. Dadurch vermochte es lange vor der Erklärung der Menschenrechte der von ihm vertretenen Auffassung einer prinzipiellen Gleichheit der Menschen zum Durchbruch zu verhelfen.
 
Diese spezifisch christliche Sicht, die auch für die heutige politische Kultur christlichdemokratischer Politik fundamental ist, gründet auf der Einsicht, dass der Mensch nach dem Bilde Gottes geschaffen ist. Dadurch besitzen alle Menschen ihre eigene Würde, dadurch sind sie Person, dadurch sind sie miteinander durch Solidarität und Liebe verbunden.
 
Die christliche Begründung der Achtung der Menschen und der gleichen Behandlung aller als Ausfluss göttlichen Wirkens steht von der Sache her zwar nicht im Widerspruch zum demokratischen Denken, ist von dieser Denkrichtung indes häufig nicht beibehalten worden. Dadurch ist ein Spannungsverhältnis zwischen Christentum und Demokratie entstanden.
 
Dieses Spannungsverhältnis ist durchaus fruchtbar. Wer an den Auffassungen des Christentums festhält, profitiert unter anderem vom Vorteil, das moderne politisch-gesellschaftliche System in seiner Relativität zu erkennen. Das Reich Jesu Christi ist nicht von dieser Welt. Deshalb dürfen weltliche Verhältnisse nicht mit Vollkommenheit in eins gesetzt werden.
 
Von einer christlichen Position her wird Gegenwart kritisch wahrgenommen. Christen verfallen keiner blinden Fortschrittseuphorie profanen Glaubens an einen durchweg positiven Einfluss von Demokratie und Wirtschaft. Nein, die Welt wird durch Demokratie, Menschenrechte, allgemein zugängliche Technologien und freie Wirtschaft allein nicht gut. Ohne die täglichen durch Liebe geleiteten Entscheidungen und harte Arbeit kommen wir diesem Ziel nicht näher.
  
Wie sind Entscheidungen im Alltag zu fällen? Was ist bei der Arbeit im Auge zu behalten? Dogmatische Anleitung aus einer christlichen Lehre oder Vorgaben ex cathedra von Seiten der kirchlichen Hierarchie genügen nicht. Demokratische Prozesse sind unverzichtbar. Nur auf Basis individueller Einsicht und gemeinsam ausgehandelter Übereinkünfte können tragfähige Antworten auf anstehende Fragen gefunden werden. Benötigt wird also eine Verbindung christlicher und demokratischer Prinzipien in einer politischen Kultur, welche die Spannungen zwischen den beiden Bereichen aushält und sich ebenso auf die Spannungen der zahlreichen Sachprobleme in den verschiedenen Politikbereichen einlässt.
  
Ich sehe also kein prinzipielles Problem im aktuellen Dissens zwischen Positionen der CVP und der Kirche. Sonntagsarbeit, die eingetragene Partnerschaft gleichgeschlechtlicher Paare, Ausländer- und Asylpolitik, die Zulässigkeit von Verhütungsmassnahmen, die Stellung der Frau und so weiter sind Beispiele von Themen, bei denen notwendigerweise hart gerungen wird. Zum demokratischen Prozess und zur Beschäftigung mit gesellschaftlich-politischen Fragen gehört die Auseinandersetzung. Weder auf das Christentum noch auf die Demokratie können wir verzichten. Ein Fest wie Weihnachten – so unpolitisch es uns dünkt – ruft auch dies ins Bewusstsein.

Ausführlicher Text
    
Aufzählung Christentum und Demokratie
Aufzählung Polnische Übersetzung

 

 
H O T L I N K S


________________