|
|
|
31.07.2006 |
|
|
 |
|
|
1. August –Feier 2006, Schulhaus Schüppel, Siglistorf„Zämespanne“
in Freiheit und Verpflichtung
|
|
|
Liebe Festgemeinde
Gerne bin ich nach Siglistorf gekommen, um mit Ihnen den 715.
Geburtstag unserer Schweizerischen Eidgenossenschaft zu feiern.
Mit Siglistorf verbinden mich zwei Erinnerungen:
|
|
|
Zum einen habe ich vor bald 30 Jahren als junge Lehrerin an dieser
Schule als Stellvertreterin unterrichtet, eine Gesamtschule von
der 5. bis zur 8. Klasse. Das war eine Herausforderung, nur
schon vis à vis der gossen, kräftigen 8-Klässlerburschen.
Zum Zweiten bin ich von Siglistorf aus schon an
Orientierungsläufen gestartet. Und jedes Mal bin ich mit
Begeisterung in den schönen Wäldern Bowald und Egg- Schüliberg
gelaufen. Wenn ich jeweils so unterwegs bin, denke ich mir oft,
gibt es etwas Schöneres als durch unsere Wälder zu laufen, auf
den Höhen und über Dörfer und Täler zu blicken. Wir leben in
einem wunderbaren Land. Und heute feiern wir unser Land.
Der erste August weckt in uns allen Erinnerungen. Bei mir waren
es diesmal Erinnerungen an meine Erlebnisse in Siglistorf.
Generell erinnern wir uns an frühere Augustfeiern, an die
Kindheit, die Jugendzeit, an Zeiten wo alles harmonischer,
einfacher und besser zu sein schien.
Gewiss, wir leben in einer Zeit des enormen Wandels, der
Informationsflut und der kurzlebigen Schlagzeilen. Wir leben
aber auch in einer Zeit extremer Widersprüche. Wir sitzen in der
guten Stube, essen Salznüsschen, trinken ein Bier, gleichzeitig
erleben wir über den Fernseher wieder einen Krieg im Nahen
Osten, wenige Flugstunden von uns entfernt. Wir schauen der
fürchterlichen Zerstörung zu und sehen das Leid der unschuldigen
Opfer. Während die einen bombardieren und Existenzen vernichten,
starten andere Sammelaktionen und rufen zu Spenden für die Not
leidende Bevölkerung auf.
Aber auch unsere gesellschaftliche und politische Situation ist
zurzeit alles andere als einfach und widerspruchsfrei. Wir sind
wirtschaftlich und damit eben auch ein Stück weit politisch vom
Ausland abhängig und viele glauben immer noch, es sei umgekehrt.
Wir verdienen jeden zweiten Franken im Ausland und ohne
Ausländer würde unser Wohlfahrtsstaat nicht funktionieren.
Denken wir nur an die Bau- und Tourismusbranche. Aber auch unser
Gesundheitswesen wäre ohne die ausländischen Medizinalpersonen
nicht im heutigen Standard leistungsfähig.
Letzte Woche konnte man in der Zeitung lesen, dass die
Schweizerinnen und Schweizer hinter den Dänen zu den
Glücklichsten weltweit gehören. Das hat ein englischer Forscher
herausgefunden. Es ist indes ebenso eine traurige Tatsache, dass
wir in unserem Land eine der höchsten Suizidraten weltweit
haben.
Das Glück hängt von der Gesundheit, der finanziellen Situation
und der Bildung ab, haben die englischen Forscher
herausgefunden. Menschen in Ländern mit gutem Gesundheitssystem,
mit hohem Einkommen und guten Schulen sind generell glücklicher
als die Bewohner von armen Ländern. Wir haben das Glück, in
einem Land zu leben mit einem hervorragendes Gesundheitswesen
und einem gut ausgebauten Sozialversicherungssystem. Das sind
wichtige und unverzichtbare Errungenschaften der neueren Zeit
und geben heute soziale und finanzielle Sicherheit und vor allem
ein finanziell unbeschwertes Alter. Das war längst nicht immer
so. Ich erinnere mich bspw, wie mein Grossvater
mütterlicherseits (1884-1976) sich im Alter über die AHV gefreut
hat und wie er immer wieder betont hat, dass er sich in jungen
Jahren nie hätte vorstellen können, dass er sich im Alter
regelmässig ein Bier leisten könnte, wenn er sich mit seinen
Kollegen im Letten, seiner Stammbeiz, zum Jassen getroffen hat.
Existierte sie denn früher, „die gute alte Zeit“? Oder was
idealisieren wir als die gute alte Zeit? Wohlstand und soziale
Sicherheit waren ja keineswegs eine Selbstverständlichkeit,
sondern musste erarbeitet werden. Unsere Vorfahren hatten den
Mut, die Entschlossenheit und den Zukunftsglaubenden, immer
wieder mit Weitsicht unser Land zu reformieren, um Wohlstand zu
ermöglichen.
Auf diese Tugenden, Mut, Entschlossenheit und Zukunftsglaubenden
sollten wir uns zurück besinnen, wenn wir für die anstehenden
politischen und gesellschaftlichen Probleme Lösungen finden
müssen. Wir wissen heute zum Beispiel um die finanziellen
Probleme unserer Sozialversicherungen. Es muss etwas getan
werden, um sie für die Zukunft zu sichern. Dennoch wollen wir
weder Leistungskürzungen akzeptieren, noch sind wir bereit,
zusätzliche Finanzierungsmittel zu gewähren.
Vermehrt verhalten wir uns gegenüber dem Staat wie Kunden und
nicht wie verantwortungsbewusste Bürgerinnen und Bürger. Ein
Kunde ist primär auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Nützt es
mir oder nützt es mir nicht. Als Staatskunde ist es logisch,
dass man vom Staat vor allem profitieren und weder mehr Steuern
bezahlen noch auf Staatsleistungen verzichten will. Man beruft
sich auf Rechte gegenüber dem Staat und auf die Freiheit diese
zu nutzen. Freiheit ist ein Kernbegriff in unserer Demokratie,
in unserer Gesellschaft. Ich möchte deshalb am heutigen
Nationalfeiertag etwas vertiefter über die Freiheit nachdenken.
Freiheit war immer ein zentrales Ideal in der über 800 jährigen
Geschichte der Eidgenossenschaft. Natürlich hat sich die
Bedeutung des Begriffes „Freiheit“ über die Jahrhunderte stark
gewandelt, vom Freiheitsbegriff der alten Eidgenossenschaft,
über die Idee der Freiheit in der Aufklärung bis zur Verwendung
des Begriffes in unserer modernen Gesellschaft.
An welche Freiheit haben wir uns heute gewohnt? Wir nutzen die
Freiheit, vom Staat zu fordern: Gute Bildung, optimale
Infrastruktur, soziale Sicherheit, bestmögliche
Gesundheitsversorgung, usw. Gleichzeitig nehmen wir uns die
Freiheit, den Staat schlecht zu machen, Behördenvertreter und
staatlichen Institutionen zu diffamieren. Der Staat wird dann
oft als Gegner des Individuums und im Widerspruch zur Freiheit
dargestellt.
Freiheit und Staat sind aber keine Gegensätze. Wir Bürgerinnen
und Bürger bilden den Staat und der Staat gewährt uns Freiheit.
Die Verfassung schützt, garantiert und stärkt die Freiheit und
die daraus folgenden Grundrechte der Bürgerinnen und Bürger.
Gesetze sind gerade deshalb notwendig, um die Freiheit des
Einzelnen zu schützen, selbst wenn Gesetze gerne als
Einschränkung der Freiheit empfunden werden. Ich möchte nur zwei
aktuelle Beispiele nennen: Wir brauchen ein
Stammzellenforschungsgesetz, um der Forschung am ungeborenes
Leben Grenzen zu setzen. Ein Hooligengesetz ist notwendig
geworden, um friedlichen, sportlichen Fans die Freiheit für den
Zugang zu den Stadien zu erhalten.
Wir brauchen im Leben Regeln und Verbindlichkeiten. Wo
gesellschaftliche Spielregeln und Gepflogenheiten nicht genügen,
braucht es Gesetze, damit nicht egoistisches Handeln zu
Rücksichtslosigkeit, Ungerechtigkeit und Verwahrlosung führt.
Die Freiheit des Einzelnen findet ihre Grenze an der Freiheit
der anderen. Individuelle Freiheit erfordert die Bereitschaft,
Mitverantwortung für andere und für die Umwelt zu übernehmen.
Wer grössere Freiheit will, muss zugleich mehr
Verantwortungsbereitschaft zeigen. Freiheit muss zu mehr
Verantwortung und darf nicht zu mehr Egoismus führen. Oder mit
den Worten von Emanuel Kant: "Handle so, dass die Maxime deines
Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen
Gesetzgebung gelten könne."
Verantwortung ist die unausweichliche Konsequenz der Freiheit.
oder mit einem Zitat von Albert Camus ausgedrückt: „Die Freiheit
besteht in erster Linie nicht aus Privilegien sondern aus
Pflichten.“ Eine so verstandene Freiheit gilt insbesondere für
die Bürgerinnen und Bürger einer direkten Demokratie wie der
unseren.
In der Präambel zur Bundesverfassung ist die Verknüpfung von
Freiheit und Verantwortung mit folgenden Worten festgeschrieben:
„dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht, und dass die
Stärke des Volkes sich misst am Wohl des Schwachen“.
„Zämestah“, frei und weitsichtig über Sprach- und Kulturgrenzen
hinweg für die Gemeinschaft Schweiz zu denken und zu handeln war
immer ein Erfolgsrezept in der Geschichte unseres Landes.
„Zämespanne“ war der Slogan Ihres zukunftsträchtigen Projektes
einer Gemeindefusion mit Schneisingen. 27 Schneisinger - das war
die Nein-Mehrheit - haben letztlich darüber entschieden, dass
das Projekt nicht zu Stande gekommen ist. Die Zeit für eine
Fusion war noch nicht reif. Für viele weit sichtige Projekte
brauchte es mehrere Anläufe. Für das Frauenstimmrecht hat es
zwei Anläufe gebraucht. Für die Mutterschaftsversicherung auch.
Der EWR wurde im Dezember 1992 abgelehnt. Inzwischen sind wir
auf dem zähen, mühsamen bilateralen Weg in etwa da, was wir mit
dem EWR wesentlich einfacher hätten bekommen können. In der
direkten Demokratie hat jeder Stimmbürger, jede Stimmbürgerin
die Freiheit nein zu sagen. Nein sagen wird aber dann riskant,
wenn rein aus Prinzip und gegen die Interessen des Gemeinwohls
Nein gesagt wird.
„Zämespanne“ ist ein schönes Motto auch für eine erste
Augustfeier. Wir feiern heute die Eidgenossenschaft, unseren
Staat und mit ihm die Gemeinschaft Schweiz. Im „Zämespanne“, dem
Gemeinschaftssinn verdanken wir es, dass wir in einem Staat
leben dürfen, von dem viele Menschen nur Träumen können. Wir
haben auch dieses Jahr gute Gründe uns darauf zu besinnen und
den ersten August in Freude, Freundschaft und Zuversicht zu
begehen.
RHN, 31. Juli 2006
|
|
| |
|
|
|
|
|
|
| H
O T L I N K S |

________________
|
|
|