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20.05.2007 -
Interview mit NR Ruth Humbel |
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«Nicht mehr mit dem Töff oder dem Auto zur
Schule»
«Automaten mit Junk Food sind in Schulen zu verbieten»
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An Orientierungsläufen waren
Sie fünfmal Schweizer Meisterin. Wie halten Sie sich heute fit?
Humbel: Ich renne immer noch regelmässig oder mache manchmal
mit meinen Kindern an Orientierungsläufen mit. Ich esse nicht
besonders gesund, jedoch mit Mass.
Wie haben Sie es geschafft, dass Ihre 16-jährige Tochter und
Ihr 13-jähriger Sohn nicht übergewichtig sind wie bereits viele
in ihrem Alter?
Humbel: Wir hatten zum Beispiel die Abmachung, dass die Kinder
täglich ebenso viel Zeit Sport treiben mussten wie sie vor dem
Fernseher sassen. In der Freizeit haben wir mit ihnen viele
Touren gemacht, sind Velo gefahren und haben sie für andere
Sportarten begeistert.
Menschen, die sich viel bewegen und nicht zu dick sind,
müssen viel seltener zum Arzt und ins Spital und brauchen viel
weniger Medikamente. Sie haben weniger Herzinfarkte, erkranken
weniger an Krebs und Arthritis. Im Durchschnitt leben sie zehn
Jahre länger als stark Übergewichtige. Lässt es Sie als
Politikerin gleichgültig, wenn viele Menschen ständig im Auto,
vor dem Fernseher oder dem Bildschirm sitzen, mit Snacks in der
Hand, und sich ein krankmachendes Gewicht zulegen?
Humbel: Es ist verflixt. In einem liberalen Staat kann jeder
sein Leben gestalten wie er will. Er darf sich auch selber
schaden, ohne bestraft zu werden. Auf der andern Seite sollen
dann alle solidarisch für die verursachten Kosten aufkommen. Die
CVP möchte an der Eigenverantwortung festhalten, dafür aber in
der Krankenversicherung differenzierte Selbstbehalte einführen.
Ein Beispiel: Die vielen Diabetiker können viele Medikamente
absetzen, wenn sie sich mehr bewegen und mehr Salate statt
Pommes Frites essen. Wenn sie ihre schlechten Gewohnheiten nicht
ändern, sollen sie für ihre Medikamente einen höheren
Selbstbehalt zahlen.
Einige Ärzte wenden ein, dass stark Übergewichtige so süchtig
seien nach Essen, wie starke Raucher süchtig sind nach
Zigaretten. Sie seien krank, weshalb man sie nicht
benachteiligen dürfe.
Humbel: Man sagt damit, dass sie nichts dafür können. Aber die
Menschen kommen nicht als Süchtige zur Welt, sondern werden erst
nach einer längeren Phase süchtig, während der sie ihre
Eigenverantwortung nicht wahrnehmen und fahrlässig handeln. Und
jeder auch schwer Übergewichtige will ja, wie jeder
Kettenraucher, von dieser Abhängigkeit los kommen. Deshalb darf
man von ihm einen eigenen Beitrag verlangen.
Der CVP wird dann vorgeworfen, sie wolle Dicke bestrafen!
Humbel: Es ist ähnlich wie bei den Kettenrauchern: Soll die
soziale Grundversicherung sogar die vierte Herzoperation noch
voll bezahlen, wenn einer unvermindert weiter raucht? Wer nicht
bereit ist, mit Rauchen aufzuhören, sich mehr zu bewegen und
ausgewogener zu essen, soll nicht alle Folgekosten x-mal auf die
Allgemeinheit abwälzen können. Man muss nur aufpassen, dass es
keine Unschuldigen trifft, zum Beispiel krankhaft Übergewichtige
mit einer besonderen genetischen Veranlagung...
...jede Prämienabstufung trifft «Unschuldige». Sämtliche
Waadtländer müssen 50 Prozent höhere Prämien zahlen als die St.
Galler, obwohl nicht alle Waadtänder so hohe Kosten verursachen.
Die obligatorische IV tut es auch: Wenn jemand übermässig trinkt
oder Kettenraucher ist, kürzt sie die Rente. Denn solches
Verhalten sei «fahrlässig», hat das Bundesversicherungsgericht
entschieden und die Praxis der IV gestützt. Wieso soll das bei
den Krankenkassen nicht möglich sein?
Humbel: Ich würde es begrüssen, wenn die Kassen gesundes
Verhalten mit niedrigen Selbstbehalten belohnen und fahrlässiges
Verhalten mit höheren Selbstbehalten ahnden. Mit Belastungstests
könnten Ärzte feststellen, ob sich ein Patient genügend bewegt.
Aber den Kassen fehlen leider schlicht die Informationen über
ihre Mitglieder. Die Ärzte teilen ihnen nicht einmal die
Diagnosen der PatientInnen mit. Natürlich können die Kassen
feststellen, wenn ein Mitglied auffällig viele Medikamente
abrechnet. Doch dann müssten sie für jeden einzelnen Fall den
Vertrauensarzt bemühen und die Betroffenen können einen
Entscheid der Kasse bis zum Bundesverwaltungsgericht anfechten.
Kassensturz-Moderator Ueli Schmezer fragte kürzlich: «Warum
soll ich die ganze Zeit Salat essen und gleich viel Prämien
zahlen wie mein Tischnachbar, der hemmungslos Pommes Frites
futtert?» Wenigstens bei den Zusatzversicherungen hätten die
Krankenkassen doch schon längst allen, die ein normales Gewicht
haben und sich genügend bewegen oder nicht rauchen, günstigere
Prämien anbieten können.
Humbel: In der Tat stufen die Zusatzversicherungen ihre Prämien
stark nach den Risiken ab. So zahlen etwa Frauen oder ältere
Menschen höhere Prämien. Es wäre mindestens so gerecht, als
Kriterium auch den Body-Mass-Index zu benutzen.
Wie soll die Politik reagieren, wenn immer mehr Kinder viel
zu dick sind? Wenn ich Mütter oder Väter sehe, die ihre dicken
Kinder mit Junk Food voll stopfen und zu Hause herumsitzen
lassen, möchte ich ihnen am liebsten die Lizenz zum Betreuen der
Kinder entziehen. Darf man solche Eltern einfach gewähren
lassen?
Humbel: Vor allem Hausärzte müssten übergewichtigen Eltern und
ihren Kindern die Folgen drastisch schildern und sie zu einer
Veränderung ihres Verhaltens motivieren. Doch sind die Ärzte für
solche Gespräche kaum bezahlt. Im Gegenteil: Sie verdienen an
übergewichtigen Familien, die sich wenig bewegen, viel mehr als
an solchen, die gesund essen und ihren Puls regelmässig in die
Höhe schnellen lassen. Einen guten Ansatz finde ich
Ärzte-Gruppenpraxen und Hausarzt-Vereinigungen, die auch die
Verantwortung für ihr Budget übernehmen. Es gibt HMO-Praxen, in
denen die Ärzte fix entlöhnt sind und deshalb an gesunden
Patienten interessiert sind, die nicht ständig in der Praxis
sitzen.
Und die Politik, sind Sie als Politikerin nicht auch
gefordert?
Humbel: Im englischen Gesundheitsministerium erfuhr ich von
einem Projekt, sehr zuckerhaltige Produkte sowie Lebensmittel
mit schlechten Fetten mit einem roten Punkt zu versehen, andere
mit einem gelben und gesunde mit einem grünen Punkt. Die meisten
Übergewichtigen sind nämlich mit dem Kleingedruckten und den
sibyllinischen Abkürzungen auf den Etiketten überfordert. Im
Parlament habe ich eine solche Punkte-Deklaration vorgeschlagen.
Wenn jemand an der Kasse feststellt, dass er alles Produkte mit
einem roten Punkt im Wagen hat, würde es ihm schon ein wenig zu
denken geben.
Die Leute sollen also mit roten Punkten vom übermässigen
Zuckerkonsum abgeschreckt werden. Gleichzeitig aber schüttet das
Parlament den Zuckerfabriken hohe Subventionen aus. Ist das,
gelinde gesagt, nicht ein widersprüchliches Signal?
Humbel: Da haben Sie recht. Wir wollen eben, dass die Schweizer
Industrie mit der ausländischen konkurrenzieren kann.
Bei den Zigaretten war neben drastischen Warnhinweisen auch
eine drastische Preiserhöhung nötig. Wohl deshalb schlägt die
Weltgesundheitskommission vor, schlechte Fette zu besteuern und
mit dem Ertrag Gemüse und Früchte zu verbilligen. Wären Sie
dafür?
Humbel: Auf den ersten Blick ist die Idee bestechend. Es ist
wirklich ein Problem, dass ungesunde Lebensmittel meist
günstiger sind als gesunde. Und das beeinflusst vor allem die
wirtschaftlich Schwachen, unter denen es besonderes viele
Übergewichtige gibt. Aber die Schweiz kann eine solche Steuer
nicht im Alleingang einführen.
In New York dürfen Restaurants keine Bratfette und Öle mehr
verwenden, welche schädliche Transfettsäuren enthalten. Würden
Sie eine solche Vorschrift schweizweit befürworten?
Humbel: Wenn pflanzliche Transfettsäuren tatsächlich so ungesund
sind, dann fände ich das eine sinnvolle Massnahme. Es würden ja
alle Restaurants gleich behandelt. Mich stört übrigens auch,
dass viele Restaurants keine kleinen Portionen anbieten.
Die Nahrungsmittelkonzerne geben jedes Jahr über eine halbe
Milliarde Franken aus für Werbung, die sich an Kinder richtet.
England, Schweden und Norwegen haben jetzt die TV-Werbung für
Hamburgers, Chips und Süssigkeiten im Umfeld von Kindersendungen
verboten. Befürworten Sie ein solches Verbot in der Schweiz?
Humbel: Ja. Und auch im Umkreis von Schulen bin ich gegen solche
Werbung.
Der Luzerner CVP-Gesundheitsdirektor schlägt vor, dass Kinder
im Umkreis von zwei Kilometern um die Schule keine
Motorfahrzeuge benutzen dürfen. Also auch keine Eltern mehr, die
ihre Kinder bis ins Schulhaus fahren. Und keine Töffli mehr. Was
ist Ihre Meinung?
Humbel: Ich stehe voll hinter diesem Vorschlag, auch wenn es
betrüblich ist, dass man Eltern zu einem solchen Verhalten
zwingen muss. Die Politiker dürfen auch das Schulturnen auf
keinen Fall kürzen. Drei Stunden pro Woche sind das Minimum.
Weiter fände ich es gut, wenn es für alle Kochkurse gäbe, mit
der nötigen Aufklärung über die Ernähung. Gesund essen kann doch
cool sein. Kochkurse und Turnstunden zu streichen, ist das
Dümmste, was man machen kann.
Müsste man Süssigkeiten in Schulen nicht ebenso verbieten wie
Zigaretten?
Humbel: Viele Kindergärten im Kanton Aargau verbieten das
Mitbringen von Süssigkeiten und gezuckerten Getränken. Erlaubt
sind Früchte, Äpfel oder rohe Rübli. Die Kinder können diese
dann lustvoll zusammen schnitzen und essen. Kürzlich haben wir
eine Realschule prämiert, in der die Schüler selber gesunde
Brötchen mit Nüssen oder Weinbeeren backen.
Genügen denn solche freiwilligen Initiativen? Jedes fünfte
Kind, das in Zürich in den Kindergarten eintritt, kann nicht
einmal balancieren oder einen Ball von sich stossen, ohne das
Gleichgewicht zu verlieren. Die Zahl der übergewichtigen Kinder
nimmt erschreckend zu. Braucht es da nicht gesetzliche Anreize
und Verbote?
Humbel: Früher oder später werden kantonale Vorschriften nötig.
Sie würden ja nicht einmal zu Kosten führen. Ein Verbot von
Automaten mit Süssigkeiten in den Schulen oder in unmittelbarer
Nähe von Schulen, wie das jetzt in Frankreich gilt, würde ich
sofort begrüssen.
Warum wird die anschwellende Übergewichts-Epidemie von
GesundheitspolitikerInnen so stiefmütterlich behandelt? Oder
freuen sie sich, dass Zehntausende an den Folgen der Fettsucht
frühzeitig sterben werden und so die AHV sanieren?
Humbel: (lacht) Sicher nicht. Aber wir gehen immer noch davon
aus, dass alle ihr Leben selber gestalten können wie sie wollen.
Konsequenterweise müsste dann aber auch jeder die Kosten, die
sein fahrlässiges Verhalten verursacht, selber zahlen.
Die Übergewichts-Welle ist die grösste Epidemie, die auf uns
zurollt. Ich habe den Eindruck, die Gesundheitskommission des
Nationalrats, deren Mitglied Sie sind, bleibe passiv.
Humbel: Wir haben bisher tatsächlich keine präventiven
gesetzlichen Massnahmen diskutiert, um diese Epidemie zu
stoppen. Sogar mein Vorschlag mit den roten, gelben und grünen
Punkten auf Lebensmitteln stiess auf Ungnade. Und die Gegner
machten keine eigenen Vorschläge.
Wie erklären Sie sich das?
Humbel: Für Massnahmen in Schulen und Restaurants müssten
zunächst einmal die Kantone handeln. Die Gesundheitskommission
ist mit Verbesserungen der AHV, IV, des Betäubungsmittel- und
Krankenversicherungsgesetzes beschäftigt.
Auch bei diesen Themen weckt die Gesundheitskommission nicht
den Eindruck, dass sie vorwärts macht. Im KVG zum Beispiel
stehen ein besserer Risikoausgleich zwischen den Kassen und die
Vertragsfreiheit für die Kassen schon lange auf der
Prioritätenliste. Doch es bewegt sich kaum etwas.
Humbel: Tatsächlich sind wir von einer Reform des KVG sogar noch
weiter weg als vor vier Jahren. Damals lag dem Parlament ein
ganzes Paket von Reformen vor, das jedoch am Schluss keine
Mehrheit fand...
...weil sich Ihre CVP der Stimme enthalten hat!
Humbel: Auch ich hatte mich damals der Fraktionsdisziplin
unterzogen, bedaure aber diesen Fraktionsbeschluss. Wir wären
einen deutlichen Schritt weiter als heute. Jetzt behandeln wir
die Reformschritte einzeln und sehen, dass viele miteinander
zusammen hängen. Wir kommen kaum weiter. SVP und FDP wollen den
Risikoausgleich nicht verbessern. Einen guten Vorschlag, die
Spitäler anders zu finanzieren, hat der Ständerat abgelehnt. Die
Vertragsfreiheit, welche die Ärzte ablehnen, wird beim Volk
nicht durchkommen. Da kann ich nur noch hoffen, dass wenigstens
Ärztenetzwerke mit eigener Budgetverantwortung gefördert werden.
Humbel: Glauben Sie denn, dass eine Mehrheit dafür ist?
(Pause) Vielleicht, knapp.
Zusätzliche Fragen und Antworten finden Sie im Internet:
www.css.ch/home/css/ver-med-magazine.htm
TEXT ZU RUTH HUMBEL
Ruth Humbel
ist seit 2003 CVP-Nationalrätin. Sie. Die 49-jährige Juristin
ist Direktionsmitglied des Krankenkassenverbandes Santésuisse,
wohnt in Birmenstorf bei Baden AG und ist Mutter von zwei
schlanken, sportlichen schulpflichtigen Kindern. |
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