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31.07.2006 |
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Bundesfeier 2006 in Waltenschwil, auf dem dem Hof von Esthi und
Urs Meier-Schwarz,
Ein Erster August im Geiste eines positiven Patriotismus
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Liebe Festgemeinde
Wir feiern heute den 715. Geburtstag der Schweizerischen
Eidgenossenschaft. 715 Jahre –ist das nicht eine ganz
erstaunliche Dauer von Jahren?! Gut acht Jahrhunderte, können
wir uns das überhaupt vorstellen?!
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Eigentlich müsse dies uns heute ja leicht möglich sein. Wir sind
uns ja gewohnt, „Nachhaltigkeit“ zu fordern! Wir wollen
„nachhaltige Massnahmen“ in der Wirtschaft, in der
Entwicklungshilfe, in der Forschung, bei sozialen und
ökologischen Massnahmen. Natürlich sagt man es auch gerne auf
englisch: sustainability. Aber an welche Zeiträume denkt man
dabei? An mehrere Jahrhunderte? Kaum! Sie wissen, wie
schnelllebig unsere Zeit ist und wie schnell die Planungs- und
Erwartungshorizonte ändern.
Wir aber versammeln uns heute morgen im Bewusstsein, ein fast
ein Jahrtausend altes politisches Gemeinwesen zu feiern, auf
dass es weiter bestehen werde. Das ist ja sustainability im
Quadrat, eine supermega-sustainability sozusagen.
Gewiss, die Eidgenossenschaft von 1291 ist nicht direkt die
heutige Schweiz. Nehmen wir den Bundesbrief, den man kürzlich ja
auch aus dem Staatsarchiv in die USA gebracht hat, was übrigens
gar keine schlechte Idee ist, denn weshalb soll man in der
mächtigsten Republik der Welt nicht auch mehr über die
schweizerische Demokratie erfahren? Dieser Bundesbrief, das muss
man zugeben, war über Jahrhunderte hinweg vergessen. Die Wege
von der Eidgenossenschaft und vom Bundesbrief ins Jahr 2006 sind
lange. Dennoch lassen sie sich beschreiben, und immer wieder hat
man sich auf die Anfänge, die Kontinuität und die Gestaltung der
Zukunft aus einer lebendigen schweizerischen Tradition heraus
gekümmert.
Ein Beispiel aus der Zeit der Französischen Revolution vor rund
200 Jahren: Der bekannte Historiker und Politiker Johannes von
Müller hielt damals in seinem Werk „Geschichten schweizerischer
Eidgenossenschaft“ fest: „Alle Staaten der Vorwelt sind dahin,
gefallen Tyrus, Karthago, Königinnen der Meere: Rom blieb nicht
ewig. Der Kalifen revolutionäres Reich zerfiel, verschwand. ...
Auch die Eislasten des Hochgebirges (ewig genannt) brechen, es
sind Alpen eingestürzt. Was ist unvertilgbar? Und nun, o
Eidgenossen ... Forschet in Geschichten der alten Zeit und
sehet, ob für Rettung, Ruhm und Ruhe aller der Lande ... je
etwas besseres erfunden ward, als die alte Treu tapferer
Eidgenossen!“
Soweit Johannes von Müller.
Wenn Sie jetzt sagen: Aber das ist doch ziemlich patriotisch, so
antworte ich: Ja, da haben Sie recht. Ich kann Ihnen auch noch
sagen, dass Müller der Auffassung war, die Heldentaten eines
Tell und eines Winkelried seien geeignet, ein positives und
zukunftsträchtiges Nationalbewusstsein zu fördern und die
Schweiz des Ancien Régime zu erneuern.
Wenn ich jetzt noch einmal jemanden sagen hören: Aber das ist
doch schrecklich patriotisch, schon vor 200 Jahren, und heute
erst recht. Frau Humbel, Sie wissen doch, zu was Patriotismus
führt. Schauen Sie nur einmal in die Welt hinaus! Wieviel Krieg
hat es gegeben, weil Fanatiker für ihr Land kämpfen wollten.
Patriotismus ist die Triebkraft des Nationalismus und des
Chauvinismus. Nein, aber hören Sie doch auf damit! Und von Max
Frisch haben Sie ja doch auch einmal etwas gelesen? Sie sind
doch auch in der Schweiz zur Schule gegangen!
Ich werde jetzt natürlich ganz klein, sagen wir 1 Meter und 40
Zentimeter und sehe mich wieder in der Primarschule: Ja, da hat
man uns von den Taten Tells und Winkelrieds erzählt, und wir
haben das Sempacherlied gesungen. „Wir singen heut ein heilig
Lied, es gilt dem Helden Winkelried.“ Ja, ja, und dann bin ich
etwas grösser geworden und ich habe habe gehört, dass es Tell
und Winkelried gar nicht gegeben habe. Und dann wurde ich noch
etwas grösser und man hat mir erklärt, ja, diese Geschichten,
die hat man gebraucht, um die Leute im Zweiten Weltkrieg in der
Geistigen Landesverteidigung zu bestärken. Und dann vergingen
einige Jahre und man hat mir erklärt: Das war eine ziemlich üble
Sache mit der Geistigen Landesverteidigung, und die Schweiz habe
es im Zweiten Weltkrieg nicht gut gemacht und es sei dringend
notwendig, sich für die Wiedergutmachung einzusetzen.
Und heute stehe ich vor Ihnen und kann Ihnen sagen: Ja, Max
Frisch und viele andere, sie alle haben an dem gelitten, was der
Germanist, Schriftsteller und ETH-Rektor Karl Schmid als
„Unbehagen im Kleinstaat“ bezeichnet hat. Die Intellektuellen
haben die Schweiz gerne kritisiert. Aber in jüngster Zeit, ist
es Mode geworden, sich als schweizerische Patrioten zu geben,
das ist jetzt das Neueste.
Sie müssen ja nicht unbedingt die Feuilletons lesen oder
Sendungen über die Avantgarde anhören.
Wie die Hitzewelle, die wir erlebt haben, hat es in den letzten
Wochen auch noch eine andere Welle des Patriotismus gegeben: Der
Fussball hat sie ausgelöst. Und da waren nun alle dabei. Auf
einmal trug man Mützen und Leibchen mit dem Schweizerkreuz und
schrie sich die Seele aus dem Leib. Den Namen des Nationalhelden
Köbi Kuhn trugen alle auf der Lippe, und dabei leuchteten
gewissermassen die Schweizer Kreuze aus den Augen. Als wir im
Parlament Doris Leuthard zur Bundesrätin gewählt haben, hat
natürlich auch jemand „Köbi Kuhn“ auf den Stimmzettel
geschrieben, und nicht anders war es bei der Wahl eines neuen
Rektors für die Universität Zürich im Senat der Professoren.
Das Traten des Schweizerkreuzes hat allerdings schon vor der WM
als cool gegolten. Sie erinnern sich sicher noch: Die Schweizer
Illustrierte zeigte Doris Leuthard als neue Helvetia in
ansehnlicher Pose auf einem Stuhl mit Schweizerkreuz, und schon
Michel Jordi hat den Ethnostil weit über das Heidiland hinaus
bekannt gemacht.
Die WM hat den Patriotismus aber auf die Strassen gebracht. Es
gehörte zum guten Ton, sich mit den anderen Eidgenossen zu
verbrüdern. Allerdings muss ich jetzt auch gestehen, dass es mir
auch nicht immer geheuer ist, wenn ich einen bestimmten Typus
von Fussballfan sehe, ich meine Leute, die sich zur Gewalt und
zum Exzess verleiten lassen.
Aber insgesamt muss ich doch sagen: Es ist doch eine gute Sache,
wenn man zu erkennen gibt, wer wir sind. Es ist eine gute Sache,
wenn wir uns freuen, Schweizerinnen und Schweizer zu sein. Denn:
Wir haben das Glück, in einem Lande zu leben, auf das wir stolz
sein dürfen. Es ist das Land mit der ältesten und nach wie vor
funktionierenden Demokratie. Es ist ein Land des Wohlstands, in
dem die Menschen lange und gesund leben, in denen es ihnen gut
geht.
Sie kennen das alles auch von Ihrem schönen Wohnort her. Es
kommt nicht von ungefähr, dass die Bevölkerung, die im Jahre
1900 586 Einwohner umfasste, heute schon die Marke von 2225
überschritten hat. Aus einem ärmlichen Bauerndorf ist eine
attraktive mittelständische Gemeinde geworden, die es
erfreulicherweise auch fertig bringt, Neuzuzuüger zu
integrieren.
Wir kommen heute in der Heimat zusammen, die auch für viele neu
hierher Gezogene Heimat geworden ist. Wir sollten nicht
vergessen, dass wir Bürgerinnen und Bürger eines Landes sind,
das auch in der Welt viel Positives tun kann. Vieles davon
leisten wir, indem wir hier am Ort so leben, wie es gut ist. Es
ist aber auch nötig, sich in der Welt als Schweizer zu erkennen
zu geben. Dazu gibt es viele Möglichkeiten. Vielleicht ist es
bei der täglichen Arbeit in einem anderen Lande, vielleicht
durch eine finanzielle Unterstützung für andere, zum Beispiel
gerade für den Libanon. Ich bin überzeugt, dass der Beitritt zur
UNO im Jahre 2002 – in der Amtszeit von Joseph Deiss – eine
Entscheidung war, die ebenfalls vom Geiste eines positiven
Patriotismus getragen war, dem gleichen Geiste, aus dem heraus
wir heute der Gründung der Eidgenossenschaft gedenken und uns
persönlich in den Feiern des Tages begegnen.
RHN, 31. Juli 2006
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O T L I N K S |

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